Zeit, um anzukommen

Sabine kenne ich fast so lange, wie es mich gibt. Also schon sehr lange. Der Kinderfreundschaft entwachsen gingen unsere Wege einige Jahre auseinander, bis wir uns wieder begegneten, damals was Sabine in der Vorbereitung zu ihrer großen Reise. Wir konnten uns damals nicht mehr ausführlich austauschen, umso gespannter war ich, als sie wieder zurückkam, was sie zu dieser Reise gebracht hatte – immerhin war sie fast ein Jahr lang unterwegs und hat in dieser Zeit viel freiwillig gearbeitet.

„An sich ist das ganz einfach erklärt“, erzählt sie mir, „ich hatte mich für eine Stelle beworben und mit vorgenommen, dass ich, wenn ich diese Stelle nicht bekomme, mit meinem bisherigen Leben brechen und ganz anders weitermachen möchte. Eine lange Reise ist der ideale Start für so etwas, man bekommt einen völlig neuen Blickwinkel. Außerdem wollte ich, wenn die Reise zustande käme, unterwegs caritativ arbeiten“.

 

Das Glück der Veränderung

Im Nachhinein betrachtet war es ein riesiges Glück, dass Sabine diese Stelle nicht bekam, denn sonst hätte sie diese Reise um die Welt wohl nie machen können. Sabine ist Ärztin und war bis zu ihrer Abreise im Dauerstress. „Ich begann meine Weltreise mit der Sonne in Richtung Westen“, erzählt sie, „erster Stopp Phönix, Arizona. Als ich dort ankam, habe ich erst einmal fast vier Tage geschlafen und erkannt, wie erschöpft und ausgelaugt ich war. Es war wirklich dringend an der Zeit, mich zu verändern!“.

Über den Grand Canon ging es nach New Mexico und dann weiter nach Kambodscha, wo Sabine einige Zeit in einem Kinderkrankenhaus arbeitete. Auf meine Fragen hin, was denn das schönste Erlebnis auf ihrer Reise war, kommt sofort Kambodscha. „Ich habe für frischoperierte Kinder zwischen 6 Monaten bis 14 Jahren bei der Morgenvisite Kinderlieder gesungen. Da ist es ganz still geworden. Wenn ich an diese Situation denke, bekomme ich immer noch Gänsehaut“, schildert Sabine ihr beeindruckendstes Reiseerlebnis.

Siem Reap, Kuala Lumpur, Singapore, Bangkok und Dubai sind einige Eckpunkt ihrer weiteren Reise, die zeitlich nicht begrenzt war.

 

Der Wunsch nach neuen Wurzeln

Die großen Erkenntnisse der Reise? „Ich habe in dieser Zeit sehr intensiv erfahren, wie es ist, kein oder kein sauberes Trinkwasser zur Verfügung zu haben. Wenn man auf touristischen Pfaden unterwegs ist, bekommt man davon kaum etwas mit. Ich habe aber viel von der Not erlebt und weiß seit dieser Reise aus eigener Erfahrung, wie es ist, wenn Trinkwasser keine Selbstverständlichkeit ist“, erzählt Sabine.

Wann weiß man, dass man wieder zurückmöchte, diese Frage stelle ich meinen Interviewpartnern sehr gern. Denn eine Reise mit offenem Ende ist für die meisten Menschen immer noch etwas sehr Ungewöhnliches, eine ganz besondere Erfahrung. Für Sabine war es das Bedürfnis nach Ruhe und Stabilität und neuen Wurzeln, nach fast einem Jahr voller neuer Begegnungen und unzähliger Kontakte mit Menschen, die ihre Hilfe brauchten.  „Es brauchte einige Zeit, um wieder zu Hause anzukommen und ich hatte den Luxus, mir diese nehmen zu können“ erzählt sie.

Nach ihrer Rückkehr ging die junge Ärztin beruflich neue Wege und gründete ihre eigene Praxis. In ihrer Arbeit legt sie Wert darauf, sich für die Menschen Zeit zu nehmen und ihnen wirklich zuzuhören.

Dr. Sabine Gruber, Salzburg